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ShareTheMeal – Arbeitsbeispiel eines PR-Hebels

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ShareTheMeal ist erstmal einfach nur eine App! Davon gibt es sehr, sehr viele – geschätzt hundertausende? Allein im Apple App-Store waren es im Mai 2015 1,4 Millionen*.
Wer schon einmal für eine Kommunikations-Kampagne eine App erstellt hat weiß, wie viel Aufwand es ist, diese in der Zielgruppe bekannt zu machen. Gerade „Firmen“-Apps dümpeln in der Unbekanntheit herum. Anderseits gibt es immer wieder Apps, die phänomenal durchstarten, z. B. WhatsApp zum Versand von kostenfreien, schnellen Nachrichten, Doodle zur Terminabstimmungen oder die Wunderlist, für das Planen und Teilen von Einkaufslisten und Aufgaben. Erfolgreich wird eine App immer nur dann, wenn die Idee dahinter richtig gut, einzigartig, smart und einfach ist und ein bereits vorliegendes Bedürfnis endlich befriedigt wird.

Die ShareTheMeal App hat das Zeug dazu, eine solche „world.wide.wonder“ App zu werden.
Die App erreicht 2 Milliarden Smartphone Nutzer. Zielgruppe sind alle User der ersten Welt, die nicht einsehen, dass Kinder in der dritten Welt hungern müssen, wo sie selbst doch mehr oder weniger im Überfluss leben, nur weil sie das Glück hatten, in der ersten Welt geboren worden zu sein. Diese latente Hilfsbereitschaft konnte sich aber bisher nicht spontan und zielgerichtet ausleben. Denn wohin spende ich? Kommt das Geld überhaupt an? Wie hoch ist der Aufwand? Richte ich mit meiner Spende vor Ort mehr Schaden als Nutzen an? In den Köpfen sind Beispiele wie Alt-Kleiderspenden, welche die Manufakturen vor Ort zerstören oder Lebensmittelspenden aus der westlichen Überproduktion, die örtlichen Bauern die wirtschaftliche Existenz rauben – die Entwicklungshilfeindustrie fördert eigentlich nur sich selbst mit gut bezahlten Jobs…

ShareTheMeal greift nicht nur diese Probleme, sondern auch das in uns allen angelegte Helfen-wollen-Bedürfnis auf und bietet eine sehr smarte Lösung an:

  1. Schnell – mit 2 Klicks teile (spende) ich „Essen“ mit einem Kind, welches sonst heute hungern würde.
  2. Billig – 40 Cent reichen als Spende aus. Für uns nicht viel, um nicht zu sagen „peanuts“.
  3. Seriös – ShareTheMeal-Spenden gehen direkt an das Welternährungsprogramm der der UNO.
  4. Transparent – die Spenden gehen nur nach Lesotho, einem Pseudostaat in den Grenzen von Südafrika, der als Relikt der Apartheid fortbesteht und eine demokratische Grundstruktur hat. Von Gießkannenhilfe kann also nicht die Rede sein. Das ShareTheMeal-Team (10 Start-up-Gründer in Berlin) ist im stetigen Kontakt mit den Ernährungsteams der UNO vor Ort.
  5. Sinnvoll – es werden heimische Nahrungsmittel ausgegeben.
  6. Nachhaltiger Ansatz – ein hungriger Bauch kann nicht lernen (wie reden von echtem Hunger). Die Kinder werden wegen der Schulverpflegung in die Schule geschickt und nicht aufs Feld, in die Mine etc. Bildung ist in diesem Fall der Schlüssel für Entwicklung, denn nur Menschen mit einer Schulbildung können ein Land aufbauen.
  7. Feedback – Wem helfe ich? Dank Smartphone sehe ich als Spender sehr schnell, welchen Kindern ich den Hunger stille – ich bekomme direkt ein Kind zu sehen, dem ich geholfen habe.

ShareTheMealScreenshot vom Smartphone des Autors nach auslösen der Spende.

Eine sehr spannende App, für mich die bislang spannendste überhaupt. Kann ich die Power von zwei Milliarden Smartphones mit dem Labor-Experiment „Lesotho-Schulkinder-Speisung“ wirklich auf die Straße bringen? Ahnen Sie die Bedeutung, die von diesem „Proof of Concept“ ausgeht?

Damit das ShareTheMeal-Konzept gelingt und nicht nur eine kurzes Gutmenschen-Lüftchen bleibt, braucht es … ganz genau: PR!

Wenn das Start-up „ShareTheMeal“ und seine Förderer CGC ansprechen würden, dieses Projekt kommunikativ zu begleiten, was würden wir tun? (CGC steht für evidence based PR).

Wir würden zuerst die Fakten abklopfen und ihnen auf den Zahn fühlen. Aber nicht, um sie platt zu machen, vorzuführen oder zu überführen, getreu dem Motto „only bad news are good news“, sondern um sie abzusichern.

CGC würde also fragen, was kann das Produkt ShareTheMeal wirklich und vom Marketingsprech absehen. Wie sind die Fakten, die Evidence? Und wenn die Evidence schwach ist, fragen wir, wie wir das ändern können. Und nicht nur in der PR-Strategie, sondern auch auf der Sachebene.

Denn: Sehr gute (PR-)Beratung mischt sich immer auch auf der Sachebene ein.

ShareTheMeal:
Jede Frage, die meine obige Liste der sieben Pros hinterfragt, würde von uns, CGC, gestellt werden (in den sozialen Medien und den Leitmedien mit Sicherheit auch).
Beispiel: Gestern habe ich noch die Schulkinder in Lesotho unterstützt – der Projektbalken in der App zeigte 20 % Zielerreichung. Ziel war, ein Jahr lang die Schulkinder-Speisung vorzufinanzieren. Heute gibt es, passend zu einer PR-Meldung, im Spiegel** ein neues Ziel !!!???

„20.000 syrische Flüchtlingskinder im jordanischen Lagern mit einer Schulmahlzeit zu helfen“. Gibt es da überhaupt Schulen für Flüchtlingskinder? Die Zielerreichung ist heute mit 2 % angegeben. Aber was ist aus dem Lesotho-Projekt geworden? Von 20 % auf 100 % Zielerreichung an einem Tag? Alles nur Fake? Laut PR-Artikel wurde das Ziel in Lesotho schon erreicht. Unsere CGC-Anforderung an die Kommunikation wäre, Aussagen bitte mit Fakten zu untermauern und zu beweisen (evidence based PR) – Entweder durch unabhängige Dritte vor Ort oder von der UNO. Sonst fällt diese fulminante Start-up-Idee schnell in sich zusammen: „Ist ShareTheMeal doch nur Flüchtlingsindustrie?“ „Werden syrische Kinder gegen Lesotho-Kinder mal eben ausgetauscht – aus Marketinggründen?“. Oder sind das sogar aus gute Gründe – denn die Aufmerksamkeit der Medien und uns Usern schwindet schnell.

Tatsächlich würde genau hier uns PR-Job anfangen. Wir halten wir die Flamme am Brennen? Auf seriöse Art und Weise selbstverständlich. Wer ist Verbündeter – Wer Multiplikator.

  • Was ist die Botschaft auf Dauer – die strategische Botschaft?
  • Hin und her springen und Feuer austreten oder Feuer löschen und nachhaltig anpflanzen?
  • Wie bekommen die Kinder den ich gerade den Bauch gefüllt habe eine faire Chance – Fair Trade?
  • Aus was müssen wir in der ersten Welt verzichten?
  • Müssen wir tatsächlich auf etwas verzichten oder gewinnen wir sogar etwas dazu?

Die Idee, mit Hilfe von 2 Milliarden Smartphone-Usern die Welt besser zu machen, zu können, ist phänomenal und macht Hoffnung – Projekte zum Anpacken gibt’s genug.

16.11.2015 Dr. Klaus Schrage

Link zu Thema:
*  http://de.statista.com/statistik/daten/studie/208599/umfrage/anzahl-der-apps-in-den-top-app-stores/
** http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sharethemeal-spenden-app-der-uno-weltweit-verfuegbar-a-1062312.html
http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article143336884/Mit-zwei-Klicks-gegen-den-Hunger-auf-der-Welt.html
http://detektor.fm/gesellschaft/share-your-meal-linda-polman-im-interview
http://enorm-magazin.de/klick-gegen-den-hunger

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