20. Wiesbadener Schilddrüsengespräch - Leitlinien-basierte Schilddrüsentherapie

Thema: Textarchiv - Schilddrüsen-Erkrankungen
Kategorie: Fachpresse
Veröffentlicht am: Samstag, 9. März 2002
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Wiesbaden. Was ist notwendig? Was ist überflüssig? Namhafte Experten aus ganz Deutschland referierten und diskutierten beim diesjährigen Wiesbadener Schilddrüsengespräch am 9. März die Leitlinien zur Therapie der Hyperthyreose und der latenten Hypothyreose. Die wissenschaftliche Leitung der traditionell von Merck, Darmstadt, unterstützten Fortbildungsveranstaltung hatten Professor Karl-Michael Derwahl, Berlin, und Professor Lothar-Andreas Hotze, Mainz-Kastel.

Latente Hypothyreose - wann therapieren?

Die subklinische Hypothyreose ist ein häufiges Krankheitsbild: Die Prävalenz beträgt bei Erwachsenen bis zu sechs Prozent, wobei Frauen 3-5mal häufiger betroffen sind als Männer. Mit zunehmendem Alter steigt die Inzidenz an. Die latente Hypothyreose ist nicht nur eine pathologische Laborkonstellation mit erhöhtem basalen TSH bei noch normalem freien Schilddrüsenhormon T4, sondern spiegelt häufig bereits einen schon bestehenden Hormonmangel wieder. "Nach einer Schilddrüsenresektion, einer Radiojodtherapie, externer Bestrahlung der Halsregion sowie einer Thyreoiditis mit positiven TPO-Antikörpern sollte bereits im Stadium der latenten Hypothyreose mit einer Levothyroxinsubstitution begonnen werden", so Derwahl in seinem Vortrag vor mehr als zweihundert Zuhörern. Auch bei Frauen mit subklinischer Hypothyreose und Infertilität sei ein Therapieversuch mit Levothyroxin indiziert, da die Fertilitätsrate erhöht werde und Nebenwirkungen nicht zu erwarten seien.

Darüber hinaus muss jede latente Hypothyreose in der Schwangerschaft behandelt werden, da es bei Hypothyreose zu spontanen Aborten, Frühgeburten, einer höheren perinatalen Sterblichkeit und zu kongenitalen Missbildungen kommen kann. Bei Frauen, die wegen perimenopausaler Symptome einen Arzt konsultieren, ist ebenfalls eine Bestimmung des basalen TSH-Wertes indiziert. Im Falle einer bestehenden subklinischen oder manifesten Hypothyreose sollte dann vor Einleitung einer Hormonersatztherapie mit Levothyroxin therapiert werden.

Derwahl betonte, "dass besonders bei älteren Menschen neuropsychologische und physiologische Veränderungen wie Verlangsamung und Verschlechterung der Gedächtnisfunktion, Antriebsarmut, Müdigkeit und Verwirrung häufig dem natürlichen Alterungsprozess zugeschrieben würden". Er empfiehlt daher grundsätzlich bei älteren Patienten mit entsprechender Symptomatik zunächst eine TSH-Bestimmung durchzuführen, um eine latente oder sogar manifeste Hypothyreose auszuschließen.

Hypothyreose - frühzeitig behandeln

Eine frühzeitige Behandlung mit Levothyroxin (z.B. Euthyrox) soll die Weiterentwicklung zur manifesten Hypothyreose und eine damit verbundene Morbidität verhindern sowie die entsprechenden Symptome verbessern. Darüber hinaus können die Serumlipide verbessert und damit das kardiovaskuläre Risiko vermindert werden.

Im Allgemeinen wird bei latenter Hypothyreose mit einer Substitution von 50 µg Levothyroxin begonnen, bei Patienten mit Zustand nach Schilddrüsenoperation oder Radiojodtherapie werden Tagesdosen von 75 µg benötigt. Bei älteren Patienten mit latenter Hypothyreose wird mit niedrigeren Dosen begonnen, da die Schilddrüsenhormone den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels erhöhen und bei koronarer Herzkrankheit Angina pectoris-Beschwerden auslösen können.

Therapie der Hyperthyreose -
Medikamente, Radiojod oder OP?

Die Hyperthyreose kann je nach der vorliegenden Grunderkrankung medikamentös, durch Radiojod oder einen chirurgischen Eingriff therapiert werden. Eine medikamentöse Therapie mit Thyreostatika (Schilddrüsenblocker) ist in drei Fällen indiziert: als vorbereitende Maßnahme für eine Operation oder Radiojodtherapie, als überbrückende Maßnahme bis zum Eintritt einer Remission bei Morbus Basedow oder als Langzeitbehandlung, wenn eine definitive Therapie mittels Radiojod oder Operation z.B. wegen Multimorbidität nicht möglich ist. Die Wirksamkeit der Schilddrüsenblocker hängt erheblich von der alimentären Jodversorgung ab. In Deutschland sind zur Zeit Initialdosierungen von Thiamazol um 20 mg notwendig. Nach Erreichen einer euthyreoten Stoffwechsellage (nach 3 - 6 Wochen) folgt eine Dauertherapie in reduzierter Dosierung. Angestrebt wird ein TSH im niedrig-normalen Bereich. Zur Erleichterung dieses Ziels kann auch Levothyroxin (bis 50 µg pro Tag) zugegeben werden.

Bei der Schilddrüsenautonomie ist nach Erreichen der Euthyreose eine Radiojodtherapie oder Operation erforderlich. Während bei der funktionellen Autonomie eine funktionsoptimierte Radiojodtherapie durchgeführt wird, die bei etwa 80 Prozent der Patienten zur Euthyreose führt, steht beim Morbus Basedow heute das ablative Konzept mit einer beabsichtigten Hypothyreoserate von 90 Prozent im Vordergrund. Neben der Normalisierung der Funktion führt die Radiojodtherapie zu Volumenabnahmen von 50 Prozent und mehr. Einzige echte Kontraindikation ist die Gravidität. Ein erhöhtes Krebsrisiko konnte bisher bei der Therapie von Erwachsenen nicht nachgewiesen werden.

In der Chirurgie des Morbus Basedow hat sich das nach Dunhill benannte Operationsverfahren - mit einseitiger Lobektomie und kontralateraler Resektion unter Belassung eines einseitigen Restes von ca 4 g - durchgesetzt. Bei der uni- und multifokalen Autonomie wird die vollständige Entfernung allen knotigen Gewebes sowie die Erhaltung normalen Schilddrüsengewebes angestrebt. In den spezialisierten Zentren wird heute zunehmend eine morphologiegerechte und funktionskritische Operationsstrategie angewandt: Alle knotigen Veränderungen, wo auch immer in der Schilddrüse gelegen, werden entfernt und funktionell relevante Anteile normalen Schilddrüsengewebes, ebenfalls unabhängig von ihrer Position, belassen. Eine aufgrund ihres kosmetischen Vorteils attraktive Alternative ist die minimal-invasive, video-assistierte Operation, bei der als Zugang eine einzige Inzision von ca 2 cm Länge dient. Sie ist jedoch nur bei relativ kleinen Knoten (bis 3 cm Durchmesser) bei annähernd normal großer Schilddrüse indiziert.

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Redaktion:
Cramer-Gesundheits-Consulting
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