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AMNOG und PR?

| | Gesundheitspolitik

Bewertung ja – aber besser! ÄZ-Special des vfa: Glaubwürdigkeit = Anerkennung = Nachhaltigkeit. Durch das AMNOG wurde die Welt der Innovationen durcheinander gewürfelt. Plötzlich ist das, was die Forschung der Pharmaindustrie unter immensen Anstregungen

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zur Zulassung in den Markt bringt und brachte, nicht mehr automatisch eine Innovation.  Das Plazet der EMA, die Zulassung, ist nicht mehr als ein  „ausreichend“,  es ist nur noch der Bescheid zur „mündlichen Prüfung“ im deutschen Markt. Leider erscheinen die „Prüfer“ von G-BA/IQWiG dem „Prüfling“ derzeit weder objektiv und schon gar nicht wohlgesonnen.

Der strategische Gedanke, des durch einen liberalen Minister zu Wege gebrachten Verfahrens, ist primär die Kostenreduktion – und nicht die Innovationsförderung. Wohlwollend gesprochen ist das AMNOG eine Innovationsselektion. Die ersten Ergebnisse sind bekannt. Aus Sicht von G-BA/IQWiG hat man – auftragskonform – die Innovation mit der aus Kostensicht passenden Vergleichsmedikation verglichen, quasi FC Bayern an Greuther Fürth gemessen und nicht FC Bayern mit dem BVB Dortmund oder Real Madrid verglichen. Aus Sicht der vfa-Firmen wird das Spiel somit hochgradig unfair gepfiffen. Und die Warnung an die Politik könnte sein: „Innovationen auf Champions League-Niveau könnt Ihr so vergessen, Weltmeisterschaften oder Europameister ebenso.“ Es sei daran erinnert, dass der Zeitraum von der Forschungsidee bis zur EMA-Zulassung eines Medikamentes 10-15 Jahre in Anspruch nimmt. Vergleichsstudien sind somit lange geplant gewesen, kostenintensiv und müssen ethisch gerechtfertigt sein. Mal eben andere Spielregeln vorzugeben, ohne dabei die Auswirkungen zu betrachten bzw. sich darum zu kümmern ist typisch „politisch“ – man denke an G8 in der Schulpolitik oder die Studienreform „Bologna“.

Umso spannender wird es, ob es der vfa schafft, ein erneuertes AMNOG mit mehr Fairplay in der Vergleichsmedikation zu bekommen. Das Problem, respektive die Hürde lautet:   Der Leumund, das  Image, die Glaubwürdigkeit der Pharmaindustrie ist …. verbesserungsfähig gegenüber Gesellschaft und Politik! Ich setzte voraus, dass der vfa weiß, wie Lobbyarbeit gemacht wird. Diese Arbeit scheint jedoch an zwei wirtschaftsliberalen Gesundheitsministern abgeprallt zu sein. Was also fehlt?

Die Wiederherstellung der gesellschaftlich anerkannten Rolle der Pharmaindustrie!

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Es ist ähnlich zu den Vorkommnissen im Bankwesen. Es gibt eine Aufgabe, im Bankenfall lautet diese gesellschaftlich zugestandene Aufgabe:

Das Geld von Sparern zu sammeln und zu sichern und damit Kredite an Unternehmen und Konsumenten auszugeben. Die Wertschöpfung, der Gewinn, entsteht aus der Differenz zwischen Einlagen- und Kreditzins. Glasklar oder?

Leider sind die Banker ins Kasino gegangen und haben mit den ihnen anvertrauten Einlagen gezockt.

Der gesellschaftliche Auftrag der Pharmaindustrie ist ebenfalls klar:

Arzneimittel gegen Krankheiten erforschen, entwickeln, herstellen und vertreiben, um  Krankheiten zu heilen oder zumindest deren Symptome zu lindern. Der erweitere Auftrag lautet: Arzneimittel verbessern,  für eine bessere Wirkung,  bessere Verträglichkeit  oder bessere Alltagstauglichkeit aus Sicht der Patienten sorgen. Kurzum: Zusatznutzen generieren, idealerweise multiple.

Das hat solange funktioniert, wie bisher nicht oder schlecht behandelbare Krankheiten durch die Pharmaindustrie schrittweise erforscht wurden. Die Erfolge in den zurückliegenden 50 Jahren waren im Hinblick auf die Volksgesundheit außerordentlich: Infektionen, Seuchen, Schlaganfall, Herzinfarkt, Arteriosklerose, Depression, Rheuma, Diabetes, Mukoviszidose, Aids, Brustkrebs …. So vielen Übeln bieten wir mit Hilfe der Arzneimittelindustrie heute die Stirn – leider vergessen wir das, außer wir sind krank. Warum werden wir heute 80-90 Jahre alt? Wegen all dem Fast Food oder der multimedialen Omni-Erreichbarkeit? Ich selbst bin Asthma-Patient,  war als Jugendlicher oft schwerkrank und bin heute faktisch symptomfrei dank Viani und Allergospasmin.  Der Status Asthmatikus ist im Aussterben begriffen. Wir haben also allen Grund dankbar zu sein, viele sind es aber nicht. Was also lief da falsch?

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Bis in die 80iger wurden neu entwickelte Medikamente zu ähnlich guten Preisen wie ihre überholten Vorgänger auf den Markt gebracht. Der Gewinnspanne war gut und ermöglichte eine ebenso gute Grundlage für weitere Forschung. Die Vorgängerprodukte blieben im Markt und waren eine wunderbare Gewinnquelle. Cash Cow sagt man heute: die Forschungsinvestitionen waren verdient, die Herstellung war etabliert und günstig. Dann kam ein Kaufmann und hat alles geändert. Ratiopharm war der Meinung, sich die Forschung und Fachkompetenz sparen zu können und sich auf die reine Herstellung der Cash Cows – Arzneimittel mit abgelaufenen Patent –  zu fokussieren. In den 90-iger Jahren musste erstmals im Gesundheitssystem Geld gespart werden (Arbeitslosigkeit – damals ein Einnahmeproblem der GKV). Ratiopharm hatte fulminanten Erfolg und fand für seine Generikaidee bald Nachahmer.  Heerscharen von Generika-Pharmareferenten, welche eigentlich den Auftrag der Produkt-Fachkompetenz haben sollten, zogen in die Arztpraxen und stellten tütenweise Arzneimittel-Muster auf die Theken – und wenn das nicht half, dann gab es eine Umsatzbeteiligung. Das fand die forschende Industrie gar nicht lustig – denn „Schmarotzer“, die sich für den medizinischen Fortschritt nicht engagierten, zerstörten nun ihr Geschäftsmodell. Was war die Reaktion? Eine immense Steigerung der Arzneimittelpreise von Innovationen. Denn die Zeit des Patentschutzes musste nun intensivst genutzt werden, da die Cash Cows „geschlachtet“ wurden. Also zogen noch mehr Heerscharen von Pharmareferenten aus, diesmal mit Produktkompetenz, um möglichst schnell die Ärzteschaft von den Innovationen zu überzeugen (Insider munkeln: Patienten sollen in dieser Zeit kaum noch Platz in den Wartezimmern gehabt haben). Die nicht immer korrekten Überzeugungskünste der Pharmavertreter kamen natürlich alle in die Presse, und die Glaubwürdigkeit der Pharmaindustrie begann zu verfallen. Dieses neue, aggressive Modell der forschenden Pharmaindustrie funktionierte so gut,  dass immer schneller „Innovationen“ in den Markt gebracht wurden, welche aber keine mehr waren. Das Arzneimittelbudget explodierte, trotz Generikaindustrie. Erst die Rabattverträge, ironischerweise für Generika, brachte eine Atempause.

Um wieder zu seiner ursprünglichen, anerkannten Rolle in der Gesellschaft zu kommen, müsste sich der vfa somit zu einem Schritt zurück zu Kernauftrag bekennen. Das tut er auch – Forschung für die Medizin, die Patienten, die Ärzte. Nur glaubt es noch keiner so richtig, denn die Altlasten aus der Zeit der Ära der „Innovation um jeden Preis“ kommen immer noch hoch (von Vioxx bis Xigris). Deshalb gibt es heute das AMNOG als Gegenreaktion.

Um wieder glaubwürdig zu werden braucht es Innovationen, die Ärzten und Patienten, Multiplikatoren und Journalisten ihren wahren Wert aufzeigen. Innovations-Champions –  die gibt es ja! Allerdings würde eine solche Innovations-PR anhand von konkreten Produkt-Beispielen eben nicht der kurzfristigen Umsatzsteigerung der Innovation, sondern dem mittelfristigen Aufbau einer Glaubwürdigkeitsgrundlage der vfa-Firmen in der Gesellschaft! Diese zurückgewonnene Glaubwürdigkeit gäbe den Argumenten des vfa erst wieder die Kraft, sachlichen Einfluss zu nehmen.

Im Moment hört die Politik den Lobbyisten sicherlich gerne höflich zu, beschließt jedoch Gesetze, welche die Industrie ausschließen. Bespiel gefällig? Der zeitlich begrenzte Zwangsrabatt von 16% bleibt – trotz historischer Überschüsse der GKV – bestehen, wetten?

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